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Narrative und Inszenierungsformen der Einsamkeit in der seriellen Film- und Fernsehunterhaltung

Mein Promotionsvorhaben

Im Rahmen meines Promotionsprojekts widme ich mich zeitgenössischen Gemeinschaftskonzeptionen in der Filmtheorie, um anhand dessen Zugänge zu Fragen der Einsamkeit in der populären seriellen Unterhaltung in Film und Fernsehen zu legen.

Film ist eine Gemeinschaftskunst: Filme werden grundsätzlich von großen Produktionsgemeinschaften hergestellt, im kollektiven Setting des Kinosaals rezipiert und zeigen Bilder von Menschen in ihrem sozialen Zusammenhang. So ist es nicht verwunderlich, dass auch die Filmwissenschaft geprägt ist von verschiedenen Gemeinschaftskonzepten, etwa den unsichtbaren Gemeinschaften, die durch privilegierte Inszenierungen und Narrationen im Genre-Kino gestiftet werden, oder die durch Kultfilme erzeugten Praktiken kollektiver Rezeptions- und Verehrungspraktiken. Für Rancière bleibt der Film die einzige Kunstform, die “die Menschen in lebendige Verbindung zueinander” setzt.

Während Gemeinschaften die Filmtheorie durchziehen, schweigt sich die Filmwissenschaft bisher zu einem wichtigen Phänomen ihres Untersuchungsgegenstandes aus: der Frage der Einsamkeit. Von Norman Bates über James Bond bis zu den Nerds aus “The Big Bang Theory”: Eine Geschichte von Film und Fernsehen lässt sich ohne einsame Figuren nicht denken. Gerade serielle Unterhaltungsformen in Film und Fernsehen tendieren zum Spiel mit der Vergemeinschaftung einsamer Figuren, während in sozialkritischen “Problemfilmen” grundsätzlich die Einsamkeit des postmodernen Subjekts und die damit einhergehenden Konsequenzen verhandelt werden. Lässt sich dieses Phänomen mithilfe der Gemeinschaftskonzeptionen der Filmtheorie verstehen?

Erfahren Sie mehr über mein Promotionsprojekt in einem zusammenfassenden Vortrag beim 38. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.

Hypothesen

Filmische und nicht-filmische Welten unterliegen einem interdependenten Verhältnis.

Häufig wurde die Kino-Leinwand als “Spiegel” sozialer Realität aufgefasst, angefangen mit der ersten soziologischen Filmtheorie von Siegfried Kracauer. Nicht nur in der Umgangssprache, sondern auch Teile der Filmsoziologie halten bis heute an einem solchem Reflektions-Paradigma fest.

Auch wenn politische, soziale und ökologische Gegenwartsfragen im Mittelpunkt der meisten filmischen Werke stehen, lässt ein solcher Zugang jedoch die Rückwirkung von Kino und Fernsehen auf eben diese außerfilmische Realität unberücksichtigt.

Filmische Werke verhalten sich der ihr gegenüberliegenden Welt nicht neutral, sondern prägen menschliche Erfahrungen und Wünsche, damit Werte und Normen und unseren Umgang miteinander. Aufgabe einer leistungsfähigen Filmwissenschaft muss es sein, dieses Wechselverhältnis präzise zu beschreiben.

Die Frage der Einsamkeit ist die ausschlaggebende Frage unserer komplexen Gegenwart.

Ende des 19. Jahrhunderts rief Friedrich Nietzsche den “Tod Gottes” aus und markierte damit den Augenblick einer allumfassenden kulturellen Verschiebung: In einer aufgeklärten hochindustrialisierten, durchtechnisierten Welt verschafft die Gemeinschaft stiftende christliche Moral keine Antworten mehr – und überlässt den Menschen damit sich selbst.

Die Geschichte der Moderne ist eine Geschichte der Vereinsamung des Menschen in einer rasch an Komplexität gewinnenden Moderne. Mit dem Ende der Ideologien 1990 endet zwar nicht die Geschichte (Fukuyama), aber der Begriff der Gemeinschaft: In kaum noch regierbaren Mega-Metropolen, unter ständigem Konkurrenzdruck und mit dem sukzessiven Ersatz aller zwischenmenschlichen Beziehungen durch verkonsumierbare Produkte steht der Mensch in der Posthistoire vor jenem zweihundertjährigen Nihilismus, den Nietzsche einst prognostiziert hatte.

Individualisierung, Urbanisierung und Automatisierung führen zur Einsamkeit unserer Zeit.

Für die zunehmende Vereinsamung des Subjekts unserer Zeit in den hochindustrialisierten Regionen der Welt zeichnen maßgeblich drei Megatrends verantwortlich, die das Gesicht der Gegenwart entscheidend prägen:

Erstens: Die zunehmende Individualisierung als Konsequenz einer neoliberal-globalisierten Weltwirtschaftsordnung verlangt von jedem Einzelnen ein Maximum an Selbstoptimierung und Leistungsfähigkeit ab, was im Widerspruch zu gemeinschaftsorientierten Politiken und Ökonomien steht.

Zweitens: Die Anonymität der rasant wachsenden und sich verdichtenden Großstädte führen – allen politischen und sozialen Bemühungen zum Trotz – zu einer zunehmenden Vereinzelung des urbanen Menschen, der in Einzelzimmer-Apartments, dysfunktionalen Schein-Beziehungen und entfremdeten Arbeitsverhältnissen nur noch sich selbst gegenübersteht.

Drittens: Mit der Automatisierung aller Lebensbereiche und der zunehmenden Medialisierung des Alltags erwachsen virtuelle Ersatzgemeinschaften, etwa im Internet, neuartigen Formen des Fernsehens und mobile Endgeräte. Sie hinterlassen jedoch langfristig das Gefühl der Isolation von realen sinnstiftenden Gemeinschaften. Sobald mit Echtzeit-Lieferungen im Online-Handel, intelligenten Sprachassistenten und televisuellen Ersatzfamilien niemand mehr auf jemanden wirklich angewiesen ist, entfesselt sich der ganze Nihilismus der Verlassenheit – und damit eine neue Sehnsucht nach einer Neuen Gemeinschaftlichkeit.

Film und Fernsehen produzieren starke Ersatzgemeinschaften.

In der jüngeren Geschichte der Film- und Fernsehforschung fällt eine Häufung von Fragen nach Gemeinschaften und Vergemeinschaftungen im Zusammenhang mit telemedialen Kunstformen auf, während die Frage der Einsamkeit im fachlichen Diskurs – mit Ausnahme einiger weniger Fallstudien – praktisch nicht existiert.

Mein Forschungsanliegen ist es, anhand einer Analyse der jüngeren akademischen Diskursgeschichte die unterschiedlichen Gemeinschafts- und Vergemeinschaftungskonzepte des Fachs zu systematisieren und diese Konzepte wiederum heranzuziehen, um sie in einen Zusammenhang mit den beobachtbaren Einsamkeiten in der populären Fernsehkultur zu stellen.

Dabei zeigt sich vorläufig, dass weniger die Gemeinschaften „auf der Bildschirmoberfläche“, also die in einem narrativ-inszenatorischen Sinne filmisch hervorgebrachten Figurenkollektive im Mittelpunkt der fachlichen Auseinandersetzung stehen, sondern vielmehr bestimmte Vergemeinschaftungsprozesse, die durch das Fernsehen beim Rezipieren in Gang gesetzt werden und sich damit letztlich auch vor dem Fernsehgerät „abspielen“, was das Fernsehen (noch mehr als den Film) in den Mittelpunkt eines Modernisierungsprozesses stellt.

Damit erscheinen (insbesondere das seriell organisierte) Kino und Fernsehen als Vergemeinschaftungssysteme, die im Zeitalter der Einsamkeit auf unterschiedlichen Ebenen eine gesellschaftlich vermittelnde, im weitesten Sinne ‘sozialisierende’ Funktion einnimmt. Wie funktioniert diese Vergemeinschaftung durch die serielle telemediale und kinematographische Unterhaltungskultur?

Meine weiteren Forschungsinteressen

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Verdacht, Sichtbarmachung, Kritik

Wer beherrscht die Medien und welchen Machtverhältnissen unterliegen sie? Nach Boris Groys wächst in den spätmodernen Gesellschaften der beängstigende Verdacht, dass sich hinter den glatten, scheinbar komplett ‚entmenschlichten‘ Oberflächen des Medialen „unweigerlich Manipulation, Verschwörung und Intrige“, also doch irrationale Subjekte verstecken müssten. Aber wie lassen sie sich sichtbar machen?

Nur im Moment der Dysfunktion des Medialen entstehe in den Bildschirmoberflächen ein Spalt, der einen freien Blick auf die sonst aufwändig verborgenen Mechanismen der Normierung und Machtausübung im ‚submedialen Raum‘ gewähre. Mit dem Riss in den Surfaces entblößt sich also die Wahrheit des Mediums selbst.

Jene Momente der aufrichtigen Ausnahmezustände des Medialen nutzt etwa Stefan Raab in „TV total“, um Verfahren der Fernsehproduktion sichtbar zu machen und in eigene vergnügliche Ausdrucksformen zu überführen, die eine ‚Gegen-Welt‘ zur obszönen Medienrealität bilden. Dabei wartet Raab nicht nur auf den zufälligen Bruch in der Oberfläche, sondern reißt sie selbst kontrolliert ein – und eröffnet damit Zugänge für selbstreflexive Fernsehkritik.

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Film und Zukunft

Was bringt die Zukunft? Diese Frage zu beantworten ist nicht nur ein uralter Menschheitstraum, sondern auch ein zentrales Anliegen der Wissenschaften: Ausgehend vom Zustand der Welt und ihren spezifischen Gesetzmäßigkeiten sollten sich Entwicklungen systematisch vorhersehen lassen – doch dabei stößt die Forschung an die Grenzen der Komplexität unserer Lebensrealität. Science-Fiction-Filme hingegen haben längst unzählige konkrete Szenarien entwickelt, wie die Welt der Zukunft aussehen könnte.

Seit Beginn der Filmgeschichte gehört das ästhetische Spiel mit der Zukunft zum festen und wohl populärsten Inventar des Kinos, das sich in der Auseinandersetzung mit dem Kommenden immer auf das Gegenwärtige bezieht, indem es das Leben jenseits der filmischen Realität produktiv zuspitzt und zu einem Extrakt unserer heutigen Wünsche, Hoffnungen und Ängste kondensieren lässt.

Dabei interessiert mich, wie der filmische Zeichenvorrat nutzbar gemacht werden kann, um ihn produktiv für die Gestaltung einer lebenswerten Zukunft zu nutzen. Was verraten uns Science-Fiction-Filme über das Leben in der Stadt, die Mobilität, die Kommunikation und das soziale Zusammenleben von morgen?

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Tanz und Film

Tänze sind ritualisierter gemeinschaftlicher Ausdruck menschlicher Kultur. Im tanzenden Körper manifestiert sich die Rolle des Menschen in seiner Umwelt und sein Verhältnis zum eigenen Gegenüber. Die Tanzwissenschaft fragt daher unter anderem nach den sozialen, kulturellen und politischen Entstehungsbedingungen von Tänzen. Doch Tänze selbst sind flüchtig, während Filme grundsätzlich “von Dauer” sind.

Zugleich handelt es sich beim Tanz – wie bei der Kinematographie, dem “bewegten Bild” – um eine ‘kinetische’ Kunst: Sie verläuft, im Unterschied etwa zur Fotografie, gleichermaßen in Zeit und Raum, ist an einen beweglichen Körper gebunden. Zugleich sind Tanz und Film beide ‘audiovisuelle’ Ausdrucksformen. Es ist damit auch kein Zufall, dass die Kunst der bewegten Bilder schon immer eine besondere Affinität zum Tänzerischen hatte.

Diese Nähe zwischen Tanzen und Film artikuliert sich in unzähligen Tanzfilmen, die seit den 1920er-Jahren regelmäßig Kultstatus erlangen. In Genre-Klassikern wie “West Side Story” (1961), “Dirty Dancing” (1987) und “The Tango Lesson” (1997) wird der Tanz zum Ausdruck des erst durch die gemeinschaftliche Bewegung bewusst werdenden Wunsches nach gesellschaftlich-politischen Veränderungen: “Eine Revolution ohne Tanzen ist eine Revolution, die sich nicht lohnt.” (“V for Vendetta”)

Aktuelle Konferenzvorträge (Auswahl)

16. Juli 2018: „Forming Communities through Filmic Seriality: Approaches to Loneliness in Popular TV Series“, XIX ISA World Congress of Sociology, Panel „Sociology of Arts: Analyzing Films and Series as a Way to Social Knowledge“, Toronto, Kanada, 15. – 21. Juli 2018.

4. November 2017: „Alone at Home: The Seriality of Loneliness in The Big Bang Theory“, 2017 Film & History Conference „Representing ‘Home’. The Real and Imagined Spaces of Belonging“, Panel „At Home with TV Families III: Family Dynamics in the Home—from City, to Country, to Cartoon“, Milwaukee, Wisconsin, USA, 1. – 5. November 2017.

22. September 2017: „Lonely Future Cities: Urban Dystopias on Mars in Contemporary Science Fiction Film“, Cultural Typhoon in Europe 2017 „Beware, Utopia!“, Panel „Urban Futurologies“, Nürnberg, 22. – 24. September 2017.

16. August 2017: „Impossible Communities: Popular Visualizations of Urban Solitude in the Age of Artificial Intelligence“, 5th International Visual Methods Conference (IVMC5) „Visualising the City“, Panel „Mapping Everyday Life“, Singapur, 16. – 18. August 2017.

13. April 2017: „Children’s Solitude in Posthistoire: The Serial Sorrows of Young Norman Bates in US-American Television“, 47th Annual Popular Culture/American Culture Association Conference, Panel „Adolescence in Film and Television I: Adolescent Self-Discovery and Reinvention“, San Diego, Kalifornien, USA, 12. – 15. April 2017.

24. März 2017: „Community Without Closeness: Nihilistic Solitude on the Smartphone in the Motion Picture Her“, 48th Northeast Modern Language Association Annual Convention, Panel „Telephones after Telephones: Reshaping the Discourse of Connectivity“, Baltimore, Maryland, USA, 23. – 26. März 2017.

17. Februar 2017: „The Serial Solitude of Young Norman Bates in American Television“, 38th Annual Southwest Popular/American Culture Association Conference (SWPACA), Panel „American Studies and American History 1“, Albuquerque, New Mexico, USA, 15. – 18. Februar 2017.

28. September 2016: „Aktuelle filmtheoretische Methoden zu Kinematographien der Vergemeinschaftung im Zeitalter der Einsamkeit“, 38. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) „Geschlossene Gesellschaften“, Sektion Medien- und Kommunikationssoziologie: „Gesellschaftsentwürfe im Film und Fernsehen der Gegenwart“. Universität Bamberg, 26. – 30. September 2016.

28. Juni 2016: „The Question of Community in Contemporary Film Theory and Approaches to Aesthetics of Solitude“, Internationale Konferenz „Theorising the Popular“, Liverpool Hope University, Großbritannien, 28. – 29. Juni 2016.

Voraussichtlich verbleibende Zeit bis zur Abgabe der Dissertation:

Ende Juli 2019 werde ich meine Dissertation mit dem Arbeitstitel „Versuch eines Zugangs zu kinematographischen Einsamkeiten durch Gemeinschaftskonzeptionen der zeitgenössischen Filmtheorie“ am Lehrstuhl für Angewandte Medienwissenschaften an der BTU Cottbus-Senftenberg einreichen.