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Narrative und Inszenierungsformen der Einsamkeit in der seriellen Film- und Fernsehunterhaltung

Mein Promotionsvorhaben

Hypothesen

Filmische und nicht-filmische Welten unterliegen einem interdependenten Verhältnis.

Häufig wurde die Kino-Leinwand als “Spiegel” sozialer Realität aufgefasst, angefangen mit der ersten soziologischen Filmtheorie von Siegfried Kracauer. Nicht nur in der Umgangssprache, sondern auch Teile der Filmsoziologie halten bis heute an einem solchem Reflektions-Paradigma fest.

Auch wenn politische, soziale und ökologische Gegenwartsfragen im Mittelpunkt der meisten filmischen Werke stehen, lässt ein solcher Zugang jedoch die Rückwirkung von Kino und Fernsehen auf eben diese außerfilmische Realität unberücksichtigt.

Filmische Werke verhalten sich der ihr gegenüberliegenden Welt nicht neutral, sondern prägen menschliche Erfahrungen und Wünsche, damit Werte und Normen und unseren Umgang miteinander. Aufgabe einer leistungsfähigen Filmwissenschaft muss es sein, dieses Wechselverhältnis präzise zu beschreiben.

Die Frage der Einsamkeit ist die ausschlaggebende Frage unserer komplexen Gegenwart.

Ende des 19. Jahrhunderts rief Friedrich Nietzsche den “Tod Gottes” aus und markierte damit den Augenblick einer allumfassenden kulturellen Verschiebung: In einer aufgeklärten hochindustrialisierten, durchtechnisierten Welt verschafft die Gemeinschaft stiftende christliche Moral keine Antworten mehr – und überlässt den Menschen damit sich selbst.

Die Geschichte der Moderne ist eine Geschichte der Vereinsamung des Menschen in einer rasch an Komplexität gewinnenden Moderne. Mit dem Ende der Ideologien 1990 endet zwar nicht die Geschichte (Fukuyama), aber der Begriff der Gemeinschaft: In kaum noch regierbaren Mega-Metropolen, unter ständigem Konkurrenzdruck und mit dem sukzessiven Ersatz aller zwischenmenschlichen Beziehungen durch verkonsumierbare Produkte steht der Mensch in der Posthistoire vor jenem zweihundertjährigen Nihilismus, den Nietzsche einst prognostiziert hatte.

Individualisierung, Urbanisierung und Automatisierung führen zur Einsamkeit unserer Zeit.

Für die zunehmende Vereinsamung des Subjekts unserer Zeit in den hochindustrialisierten Regionen der Welt zeichnen maßgeblich drei Megatrends verantwortlich, die das Gesicht der Gegenwart entscheidend prägen:

Erstens: Die zunehmende Individualisierung als Konsequenz einer neoliberal-globalisierten Weltwirtschaftsordnung verlangt von jedem Einzelnen ein Maximum an Selbstoptimierung und Leistungsfähigkeit ab, was im Widerspruch zu gemeinschaftsorientierten Politiken und Ökonomien steht.

Zweitens: Die Anonymität der rasant wachsenden und sich verdichtenden Großstädte führen – allen politischen und sozialen Bemühungen zum Trotz – zu einer zunehmenden Vereinzelung des urbanen Menschen, der in Einzelzimmer-Apartments, dysfunktionalen Schein-Beziehungen und entfremdeten Arbeitsverhältnissen nur noch sich selbst gegenübersteht.

Drittens: Mit der Automatisierung aller Lebensbereiche und der zunehmenden Medialisierung des Alltags erwachsen virtuelle Ersatzgemeinschaften, etwa im Internet, neuartigen Formen des Fernsehens und mobile Endgeräte. Sie hinterlassen jedoch langfristig das Gefühl der Isolation von realen sinnstiftenden Gemeinschaften. Sobald mit Echtzeit-Lieferungen im Online-Handel, intelligenten Sprachassistenten und televisuellen Ersatzfamilien niemand mehr auf jemanden wirklich angewiesen ist, entfesselt sich der ganze Nihilismus der Verlassenheit – und damit eine neue Sehnsucht nach einer Neuen Gemeinschaftlichkeit.

Film und Fernsehen produzieren starke Ersatzgemeinschaften.

In der jüngeren Geschichte der Film- und Fernsehforschung fällt eine Häufung von Fragen nach Gemeinschaften und Vergemeinschaftungen im Zusammenhang mit telemedialen Kunstformen auf, während die Frage der Einsamkeit im fachlichen Diskurs – mit Ausnahme einiger weniger Fallstudien – praktisch nicht existiert.

Mein Forschungsanliegen ist es, anhand einer Analyse der jüngeren akademischen Diskursgeschichte die unterschiedlichen Gemeinschafts- und Vergemeinschaftungskonzepte des Fachs zu systematisieren und diese Konzepte wiederum heranzuziehen, um sie in einen Zusammenhang mit den beobachtbaren Einsamkeiten in der populären Fernsehkultur zu stellen.

Dabei zeigt sich vorläufig, dass weniger die Gemeinschaften „auf der Bildschirmoberfläche“, also die in einem narrativ-inszenatorischen Sinne filmisch hervorgebrachten Figurenkollektive im Mittelpunkt der fachlichen Auseinandersetzung stehen, sondern vielmehr bestimmte Vergemeinschaftungsprozesse, die durch das Fernsehen beim Rezipieren in Gang gesetzt werden und sich damit letztlich auch vor dem Fernsehgerät „abspielen“, was das Fernsehen (noch mehr als den Film) in den Mittelpunkt eines Modernisierungsprozesses stellt.

Damit erscheinen (insbesondere das seriell organisierte) Kino und Fernsehen als Vergemeinschaftungssysteme, die im Zeitalter der Einsamkeit auf unterschiedlichen Ebenen eine gesellschaftlich vermittelnde, im weitesten Sinne ‘sozialisierende’ Funktion einnimmt. Wie funktioniert diese Vergemeinschaftung durch die serielle telemediale und kinematographische Unterhaltungskultur?

Newiak, Denis: Alles schon mal dagewesen. Was wir aus Pandemie-Filmen für die Corona-Krise lernen können
Newiak/Maeder/Schwaab (Hg.): Fernsehwissenschaft und Serienforschung. Theorie, Geschichte und Gegenwart (post-)televisueller Serialität
Steinborn/Newiak (Hg.): Urbane Zukünfte im Science-Fiction-Film

Publikationen (Auswahl)

Monografien

Blackout – Nichts geht mehr: Wie wir uns mit Filmen und TV-Serien auf einen Stromausfall vorbereiten können. Marburg: Schüren, 2022 (in Vorbereitung).

Preparing For The Global Blackout. A Disaster Guide from TV and Cinema. Stuttgart: ibidem, 2022 (Übersetzung, in Vorbereitung).

Die Einsamkeiten der Moderne. Eine Theorie der Modernisierung als Zeitalter der Vereinsamung. Wiesbaden: Springer VS, 2021 (Erster Band der zweiteiligen Dissertation; in Vorbereitung).

Einsamkeit in Serie. Televisuelle Ausdrucksformen moderner Vereinsamung. Wiesbaden: Springer VS, 2021 (Zweiter Band der zweiteiligen Dissertation; in Vorbereitung).

It’s All Been There Before. What We Can Learn about the Coronavirus from Pandemic Movies. Stuttgart: ibidem, 2021 (Übersetzung).

Alles schon mal dagewesen: Was wir aus Pandemie-Filmen für die Corona-Krise lernen können. Marburg: Schüren, 2020.

 

Herausgeberschaften

Verschwörungsideologien in Film und Fernsehen. Erklärungsversuche und Chancen zur Intervention. Herausgeberschaft zusammen mit Anastasia Schnitzer. Wiesbaden: Springer VS, 2022 (in Vorbereitung).

Corona und die „anderen“ Wissenschaften: Interdisziplinäre Lehren aus der Pandemie. Herausgeberschaft zusammen mit Christer Petersen und Peter Klimczak. Wiesbaden: Springer Vieweg, 2021 (in Vorbereitung).

Fernsehwissenschaft und Serienforschung: Theorie, Geschichte und Gegenwart (post-)televisueller Serialität. Herausgeberschaft zusammen mit Dominik Maeder und Herbert Schwaab. Wiesbaden: Springer VS, 2021.

Urbane Zukünfte im Science-Fiction-Film: Was wir vom Kino für die Stadt von morgen lernen können, Herausgeberschaft zusammen mit Anke Steinborn. Berlin: Springer Spektrum, 2020.

 

Aufsätze in Fachzeitschriften

„Serial Horrors of Loneliness: The Impossibility of Communitization in The Walking Dead“ in Zer – Journal of Communication Studies 25 (47), 2019. S. 51 – 64. doi.org/10.1387/zer.20728

„Nicht-Ort Bates Motel. Vorüberlegungen zu einer Ikonografie der Einsamkeit in der amerikanischen Moderne“ in Schriften zur Kultur- und Mediensemiotik, Nr. 5/2018, S. 79 – 122. doi.org/10.15475/skms.2018.1.4

„Future Cities of Loneliness: Dysfunctional Urbanities on Filmic Mars“ in Journal of Language and Communication – #48: Cities of the Future, April 2018, S. 208 – 221. fcsh.unl.pt/rcl/index.php/rcl/article/view/14/0

„Der Mars als Leinwand – Filmische Zukunftsszenarien vor roter Kulisse“ in Cinema – Das Filmjahrbuch #63: Zukunft. Marburg: Schüren, 2018. S. 137 – 151. cinemabuch.ch/article/630016

 

Beiträge in Sammelwerken

„Urban Utopias and Dystopias on Mars in Science Fiction Films“ in Becker, Stefan; Schäfer, Fabian; Trunk, Maria (Hrsg.): Beware, Utopia! Institut für angewandte Heterotopie: Nürnberg, 2021. S. 67 – 70.

„Fernsehserien gegen spätmoderne Einsamkeiten: Formen telemedialer Vergemeinschaftung am Beispiel von ‚13 Reasons Why‘“ in Newiak, Denis; Maeder, Dominik; Schwaab, Herbert (Hrsg.): Fernsehwissenschaft und Serienforschung: Theorie, Geschichte und Gegenwart (post-)televisueller Serialität. Wiesbaden: Springer VS, 2021. S. 103 – 157. doi.org/10.1007/978-3-658-32227-4_6

„Fernsehwissenschaft und Serienforschung: Zur Einleitung“ mit Dominik Maeder und Herbert Schwaab in Newiak, Denis; Maeder, Dominik; Schwaab, Herbert (Hrsg.): Fernsehwissenschaft und Serienforschung: Theorie, Geschichte und Gegenwart (post-)televisueller Serialität. Wiesbaden: Springer VS, 2021. S. 1 – 15. doi.org/10.1007/978-3-658-32227-4_1

„Mein Freund Iwan Laptschin / Moj Drug Ivan Lapšin“ in Schwartz, Matthias; Wurm, Barbara (Hrsg.): Klassiker des russischen und sowjetischen Films, Band II. Marburg: Schüren, 2020. S. 155 – 167.

„Unmögliche Vergemeinschaftungen: Die Sprachlosigkeit zwischen Mensch und Maschine im Artificial-Intelligence-Filmdrama“ in Deiters, Wolfgang; Geisler, Stefan; Hörner, Fernand; Knaup, Anna Katharina (Hrsg.): Die Kommunikation und ihre Technologien. Interdisziplinäre Perspektiven auf Digitalisierung. Bielefeld: transcript, 2020. S. 177 – 208. doi.org/10.14361/9783839448670-009

„Das Ende der Stadtgemeinschaft? Urbane Einsamkeiten und städtebauliche Antworten am Beispiel von Her“ in Steinborn, Anke; Newiak, Denis (Hrsg.): Urbane Zukünfte im Science-Fiction-Film: Was wir vom Kino für die Stadt von morgen lernen können. Berlin: Springer Spektrum, 2020. S. 127 – 148. doi.org/10.1007/978-3-662-61037-4_8

„‚Wahr‘scheinliche Zukünfte: Urbanes Leben mit Science-Fiction neu gedacht“ mit Anke Steinborn in Steinborn, Anke; Newiak, Denis (Hrsg.): Urbane Zukünfte im Science-Fiction-Film: Was wir vom Kino für die Stadt von morgen lernen können. Berlin: Springer Spektrum, 2020. S. 1 – 10. doi.org/10.1007/978-3-662-61037-4_1

„Telemediale Narrative und Ästhetiken spätmoderner Vereinsamung am Beispiel von 13 Reasons Why“ in Krauß, Florian; Stock, Moritz (Hrsg.): Teen TV. Repräsentationen, Lesarten und Produktionsweisen aktueller Jugendserien. Wiesbaden: Springer VS, 2020. S. 65 – 94. doi.org/10.1007/978-3-658-29319-2_3

„Aktuelle filmtheoretische Methoden zu Kinematographien der Vergemeinschaftung im Zeitalter der Einsamkeit“ in Lessenich, Stephan (Hrsg.): Geschlossene Gesellschaften. Verhandlungen des 38. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Bamberg 2016. publikationen.soziologie.de/index.php/kongressband_2016

„‚Wer sagt, er wäre nie geflogen, lügt‘: Peter Gotthardts Musik zum DEFA-Film ‚Ikarus‘ (1975)“ in Felsmann, Klaus-Dieter (Hg.) (2016): Peter Gotthardt – 50 Jahre Filmmusik. Berlin: Ries & Erler, 2016. S. 37 – 45.

„Joachim Werzlau. Lissy“ in Felsmann, Klaus-Dieter (Hrsg.): Klang der Zeiten. Musik im DEFA-Spielfilm – Eine Annäherung. Schriftenreihe herausgegeben von der DEFA-Stiftung. Berlin: Bertz und Fischer, 2013. S. 202 – 207.

„Günther Fischer. Tecumseh“ in Felsmann, Klaus-Dieter (Hg.): Klang der Zeiten. Musik im DEFA-Spielfilm – Eine Annäherung. Schriftenreihe herausgegeben von der DEFA-Stiftung. Berlin: Bertz und Fischer, 2013. S. 227 – 232.

Aktuelle Konferenzvorträge (Auswahl)

5. November 2020: „Television’s Substitutional Communities: Late-Modern Isolation and Mediated Closeness“, Online-Konferenz „Discourses of Fictional (Digital) TV Series“, Universitat de València, Spanien, 3. – 6. November 2020.

15. November 2019: „Invisibly Connected by Screens: How Loneliness in Sit-Coms Produces Substitutional Families“, 117th Annual Pacific Ancient and Modern Language Association Conference, Panel „Metafamily“, San Diego, Kalifornien, USA, 14. – 17. November 2019.

18. April 2019: „Serial TV Aesthetics of Loneliness at the Example of 13 Reasons Why“, 49th Annual Popular Culture/American Culture Association Conference, Panel „Television Narratives: The Affair, 13 Reason Why, and Peak TV“, Washington, D.C., USA, 17. – 20. April 2019.

21. Februar 2019: „Serial Horrors of Loneliness: The Impossibility of Communitization in The Walking Dead“, 40th Annual Southwest Popular/American Culture Association Conference (SWPACA), Panel „TV and Ideology 1“, Albuquerque, New  Mexico, USA, 20. – 23. Februar 2019.

28. September 2018: „Facing Urban Loneliness: What We Can Learn from Science Fiction Film for Social City Planning“, Vortrag beim „Science Fiction Day“ der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Warschau im Rahmen des „Festiwal Nauki Warszawa“ an der Universität Warschau, Polen.

16. Juli 2018: „Forming Communities through Filmic Seriality: Approaches to Loneliness in Popular TV Series“, XIX ISA World Congress of Sociology, Panel „Sociology of Arts: Analyzing Films and Series as a Way to Social Knowledge“, Toronto, Kanada, 15. – 21. Juli 2018.

4. November 2017: „Alone at Home: The Seriality of Loneliness in The Big Bang Theory“, 2017 Film & History Conference „Representing ‘Home’. The Real and Imagined Spaces of Belonging“, Panel „At Home with TV Families III: Family Dynamics in the Home—from City, to Country, to Cartoon“, Milwaukee, Wisconsin, USA, 1. – 5. November 2017.

22. September 2017: „Lonely Future Cities: Urban Dystopias on Mars in Contemporary Science Fiction Film“, Cultural Typhoon in Europe 2017 „Beware, Utopia!“, Panel „Urban Futurologies“, Nürnberg, 22. – 24. September 2017.

16. August 2017: „Impossible Communities: Popular Visualizations of Urban Solitude in the Age of Artificial Intelligence“, 5th International Visual Methods Conference (IVMC5) „Visualising the City“, Panel „Mapping Everyday Life“, Singapur, 16. – 18. August 2017.

13. April 2017: „Children’s Solitude in Posthistoire: The Serial Sorrows of Young Norman Bates in US-American Television“, 47th Annual Popular Culture/American Culture Association Conference, Panel „Adolescence in Film and Television I: Adolescent Self-Discovery and Reinvention“, San Diego, Kalifornien, USA, 12. – 15. April 2017.

24. März 2017: „Community Without Closeness: Nihilistic Solitude on the Smartphone in the Motion Picture Her“, 48th Northeast Modern Language Association Annual Convention, Panel „Telephones after Telephones: Reshaping the Discourse of Connectivity“, Baltimore, Maryland, USA, 23. – 26. März 2017.

17. Februar 2017: „The Serial Solitude of Young Norman Bates in American Television“, 38th Annual Southwest Popular/American Culture Association Conference (SWPACA), Panel „American Studies and American History 1“, Albuquerque, New Mexico, USA, 15. – 18. Februar 2017.

28. September 2016: „Aktuelle filmtheoretische Methoden zu Kinematographien der Vergemeinschaftung im Zeitalter der Einsamkeit“, 38. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) „Geschlossene Gesellschaften“, Sektion Medien- und Kommunikationssoziologie: „Gesellschaftsentwürfe im Film und Fernsehen der Gegenwart“. Universität Bamberg, 26. – 30. September 2016.

28. Juni 2016: „The Question of Community in Contemporary Film Theory and Approaches to Aesthetics of Solitude“, Internationale Konferenz „Theorising the Popular“, Liverpool Hope University, Großbritannien, 28. – 29. Juni 2016.

Meine weiteren Forschungsinteressen

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Verdacht, Sichtbarmachung, Kritik

Wer beherrscht die Medien und welchen Machtverhältnissen unterliegen sie? Nach Boris Groys wächst in den spätmodernen Gesellschaften der beängstigende Verdacht, dass sich hinter den glatten, scheinbar komplett ‚entmenschlichten‘ Oberflächen des Medialen „unweigerlich Manipulation, Verschwörung und Intrige“, also doch irrationale Subjekte verstecken müssten. Aber wie lassen sie sich sichtbar machen?

Nur im Moment der Dysfunktion des Medialen entstehe in den Bildschirmoberflächen ein Spalt, der einen freien Blick auf die sonst aufwändig verborgenen Mechanismen der Normierung und Machtausübung im ‚submedialen Raum‘ gewähre. Mit dem Riss in den Surfaces entblößt sich also die Wahrheit des Mediums selbst.

Jene Momente der aufrichtigen Ausnahmezustände des Medialen nutzt etwa Stefan Raab in „TV total“, um Verfahren der Fernsehproduktion sichtbar zu machen und in eigene vergnügliche Ausdrucksformen zu überführen, die eine ‚Gegen-Welt‘ zur obszönen Medienrealität bilden. Dabei wartet Raab nicht nur auf den zufälligen Bruch in der Oberfläche, sondern reißt sie selbst kontrolliert ein – und eröffnet damit Zugänge für selbstreflexive Fernsehkritik.

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Film und Zukunft

Was bringt die Zukunft? Diese Frage zu beantworten ist nicht nur ein uralter Menschheitstraum, sondern auch ein zentrales Anliegen der Wissenschaften: Ausgehend vom Zustand der Welt und ihren spezifischen Gesetzmäßigkeiten sollten sich Entwicklungen systematisch vorhersehen lassen – doch dabei stößt die Forschung an die Grenzen der Komplexität unserer Lebensrealität. Science-Fiction-Filme hingegen haben längst unzählige konkrete Szenarien entwickelt, wie die Welt der Zukunft aussehen könnte.

Seit Beginn der Filmgeschichte gehört das ästhetische Spiel mit der Zukunft zum festen und wohl populärsten Inventar des Kinos, das sich in der Auseinandersetzung mit dem Kommenden immer auf das Gegenwärtige bezieht, indem es das Leben jenseits der filmischen Realität produktiv zuspitzt und zu einem Extrakt unserer heutigen Wünsche, Hoffnungen und Ängste kondensieren lässt.

Dabei interessiert mich, wie der filmische Zeichenvorrat nutzbar gemacht werden kann, um ihn produktiv für die Gestaltung einer lebenswerten Zukunft zu nutzen. Was verraten uns Science-Fiction-Filme über das Leben in der Stadt, die Mobilität, die Kommunikation und das soziale Zusammenleben von morgen?

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Tanz und Film

Tänze sind ritualisierter gemeinschaftlicher Ausdruck menschlicher Kultur. Im tanzenden Körper manifestiert sich die Rolle des Menschen in seiner Umwelt und sein Verhältnis zum eigenen Gegenüber. Die Tanzwissenschaft fragt daher unter anderem nach den sozialen, kulturellen und politischen Entstehungsbedingungen von Tänzen. Doch Tänze selbst sind flüchtig, während Filme grundsätzlich “von Dauer” sind.

Zugleich handelt es sich beim Tanz – wie bei der Kinematographie, dem “bewegten Bild” – um eine ‘kinetische’ Kunst: Sie verläuft, im Unterschied etwa zur Fotografie, gleichermaßen in Zeit und Raum, ist an einen beweglichen Körper gebunden. Zugleich sind Tanz und Film beide ‘audiovisuelle’ Ausdrucksformen. Es ist damit auch kein Zufall, dass die Kunst der bewegten Bilder schon immer eine besondere Affinität zum Tänzerischen hatte.

Diese Nähe zwischen Tanzen und Film artikuliert sich in unzähligen Tanzfilmen, die seit den 1920er-Jahren regelmäßig Kultstatus erlangen. In Genre-Klassikern wie “West Side Story” (1961), “Dirty Dancing” (1987) und “The Tango Lesson” (1997) wird der Tanz zum Ausdruck des erst durch die gemeinschaftliche Bewegung bewusst werdenden Wunsches nach gesellschaftlich-politischen Veränderungen: “Eine Revolution ohne Tanzen ist eine Revolution, die sich nicht lohnt.” (“V for Vendetta”)

Blackout – nichts geht mehr: Wie wir uns mit Filmen und TV-Serien auf einen Stromausfall vorbereiten können

Am 10. Februar 2022 erscheint mein neues Buch zu Krisen- und Zukunftswissen in Film und Fernsehen

Tote Telefon- und Wasserleitungen, Chaos in Krankenhäusern und Supermärkten, frei umherlaufende Gefängnisinsassen und drohende Kernschmelzen: Seit Jahren warnen Experten überall auf der Welt vor der wachsenden Gefahr eines flächendeckenden Stromausfalls – eines Blackouts. Der Zusammenbruch des Stromnetzes hätte verheerende Konsequenzen für die gesamte Gesellschaft, innerhalb weniger Tage würde eine humanitäre Krise drohen.

Ganz ähnlich wie vor der Corona-Pandemie sind sich Politik und Bevölkerung jedoch kaum dieses immensen Risikos bewusst, die meisten würde der absehbare Blackout vollkommen unvorbereitet treffen. Dabei gehört das Thema längst zum Standardrepertoire in Katastrophenfilmen und aktuellen Scifi-Fernsehserien: Sie zeigen, was droht, wenn der modernen Gesellschaft ihr scheinbar selbstverständliches Lebenselixier abhandenkommt.

Denis Newiak sucht in den fiktionalen Geschichten nach Antworten auf die drängenden Fragen, wie wir uns – individuell und als Gesellschaft – für die einschneidenden Folgen dieser Krise wappnen können. Lässt sich die Apokalypse der Moderne noch aufhalten?